Infoveranstaltung für SchülerInnen

Die Filmemacherin Renate Bernhard stellt den Film „Iss Zucker und sprich süß- Zwangsheirat, die sog. Familienehre und ihre Opfer“, den sie zusammen mit Sigrid Dethloff in Deutschland und in der Türkei gedreht hat, in den Schulen vor. Er erzählt über Zwangsheirat aus der Perspektive der betroffenen Frauen. Bernhard diskutiert gemeinsam mit den SchülerInnen über diese Problematik. Intensiv-informative Stunden zu Zwangsheirat gab sie auch in der Goethe-Realschule in Parchim. Die Schweriner Volkszeitung Parchim hat darüber berichtet.

„Wer entscheidet, wen du heiratest?“

Goethe-Realschule bot intensiv-informative Stunden zum Thema Zwangsheirat

Parchim. „Gibt es Zwangsheirat auch in Deutschland… sogar in Parchim?“ Das war nur eine von vielen Fragen, die der Autorin und Filmemacherin Renate Bernhard im Philosophie- und Religionsunterricht gestellt wurden. Sie hatte einen Film gedreht, der das Thema aus der Sicht von Betroffenen beleuchtet. Die 10. Klasse der Regionalen Schule „J. W. v. Goethe“ legte kurzerhand die beiden Fächer zusammen, und Renate Bernhard zeigte nach einer kurzen Einführung ins Thema ihre professionelle Dokumentation, die sie in Zusammenarbeit mit Sigrid Dethloff erstellt hat.

Tatsächlich wachsen viele Mädchen in Deutschland auf, besuchen hier den Kindergarten und anschließend die Schule, um mit 14 oder 15 Jahren in der alten Heimat ihrer Eltern zwangsverheiratet zu werden. Bereits als Babys wurde manche von ihnen „versprochen“, mit Bekannten wurde also eine Abmachung über die spätere Hochzeit beschlossen. Die betroffenen Mädchen – und oft genug auch die Jungen – werden nicht gefragt. So wurde im Film deutlich, dass zwar die Frauen durchaus stärker in einer Opferrolle sind, dass vor allem von Männern über sie verfügt wird, aber nicht selten beide Geschlechter als Leidtragende enden – zum Beispiel, wenn ein Mann die seinem Bruder zugesprochene Frau zur Rettung der Familienehre heiraten muss, weil der Bruder kurz vor der Hochzeit verstorben ist. Grundsätzlich läuft es viel zu oft so: Die Eltern bestimmen, wer geheiratet wird, und zwar immer dann, wenn am traditionellen Verständnis der Ehr- und Wertvorstellungen festgehalten wird.

Speziell der Begriff der Familienehre ist beim Großteil der Schüler allerdings eher wenig ausgeprägt, und so mussten sie erst verstehen, dieses Denken nachzuvollziehen. Die Handlungen der Täter werden sonst noch weniger verständlich. Das alles scheint weit weg. Umso mehr machte die Aussage betroffen: Es sind Fälle auch aus der Parchimer Region bekannt.

Besonders bewegend war das Schicksal von Birgul, die in Deutschland geboren, aber von ihrer Mutter Ayse zwangsverheiratet wird – obwohl diese Mutter selber furchtbar unter ihrer eigenen erzwungenen Hochzeit gelitten hat und sich nur mit fremder Hilfe nach vielen Jahren aus ihrer Ehe retten konnte. Die Schüler konnten an diesem Beispiel erleben, wie schwer es selbst für betroffene Frauen ist, sich aus den herrschenden Traditionen zu befreien. So entwickelte sich ein intensives Gespräch. Es wurde deutlich, dass Traditionen viel Gutes haben: Wir alle feiern z. B. gern Weihnachten und wollen es nicht aufgeben, wie auch viele andere weltliche oder sogar christliche Grundlagen. Unser Leben bekommt durch gute Traditionen eine Struktur, wir fühlen uns sicherer, und der Gewinn sollen grundlegende Regeln und hilfreiche Verhaltensweisen sein. Schnell wurde aber deutlich: Darin muss Verantwortung übernommen werden. Sonst erleben wir, wie unsere demokratische Freiheit – gerade auch in privaten Bereichen des Beziehungslebens – ganz schnell ausufern kann und dazu führt, dass es keine Regeln mehr zu geben scheint. Vielleicht war dieser Aspekt neben der grundlegenden und nachvollziehbaren Information zur Zwangsheirat die größte Stärke der Veranstaltung und der engagierten Diskussionsführung von Renate Bernhard. Die Schüler spürten, dass man nicht nur schnell über andere urteilen darf, sondern sein eigenes Leben auf Zwänge und unterdrückerische Strukturen abklopfen sollte, die im heutigen Individualitätsdenken schnell zur Falle werden.

Quelle: Schweriner Volkszeitung Parchim, 29.09.2011- „Wer entscheidet, wen du heiratest?“

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