Der „Ehren“- Mord von Morsal Obeidi jährt sich zum siebten Mal

Mahnwache aus dem Jahr 2008. Foto: © TERRE DES FEMMESGedenkstein des "Ehren"-Mordopfers Hatun Sürücü in Berlin. Foto: © TERRE DES FEAm 15. Mai 2008 wurde die Deutsch-Afghanin Morsal Obeidi im jungen Alter von 16 Jahren von ihrem Bruder Ahmad mit 23 Messerstichen in Hamburg getötet. Grund für diesen schrecklichen Mord war Morsals Auflehnung gegenüber dem strikten „Ehrenkodex“ und der patriarchalischen Lebensvorstellungen ihrer Familie. Sie musste sterben, weil sie ein freies und selbstbestimmtes Leben führen wollte.

Schon lange vor diesem tragischen Ereignis kam es in der Familie Obeidi zu gewalttätigen Konflikten, vor allem mit ihrem Vater und ihrem Bruder. Schon im November 2006 verprügelte Ahmad seine Schwester brutal und verletzte sie dabei schwer. Im Jahr 2007 wurde Morsal sogar für neun Monate nach Afghanistan zu ihren Verwandten geschickt, um sie wieder auf den „richtigen Weg“ zu bringen. Die letzten zweieinhalb Jahre ihres kurzen Lebens floh Morsal immer wieder in Einrichtungen der Kinder- und Jugendnothilfe. Allerdings war der Wunsch nach Liebe und Akzeptanz so groß, dass Morsal die Verbindung zu ihrer Familie nie endgültig abbrechen konnte. Dieser Wunsch kostete ihr schließlich das Leben.

Am 13. Februar 2009 hat das Hamburger Landgericht Ahmad Obeidi wegen heimtückischen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass er seine Schwester aus Wut über ihren „freizügigen“ Lebensstil erstach.

Der Mord an Morsal Obeidi ist leider kein Einzelfall: Das erste - einer breiteren Öffentlichkeit bekannte - Opfer war Hatun Sürücü, die im Februar 2005 von ihrem Bruder erschossen wurde. Auch Arzu Özmen wurde im November 2011 von ihren fünf Geschwistern entführt und von ihrem Bruder Osman erschossen, weil sie eine Liebesbeziehung zu einem Nicht-Jesiden führte. In beiden Fällen duldeten die patriarchalisch strukturierten und traditionell denkenden Familien nicht das freie und selbstbestimmte Leben der Töchter/Schwestern. Statistiken, wie viele Mädchen und Frauen jedes Jahr wegen verletzter Familienehre umgebracht werden, existieren nicht. Die BKA-Studie „Ehrenmorde in Deutschland. 1996-2005" ergab, dass jedes Jahr zwölf "Ehren“-Morde gerichtlich erfasst werden. Nicht mitgezählt sind dabei Fälle, die als Unfall oder Selbstmord getarnt sind.

Allein im Jahr 2014 gab es in der Beratungsstelle LANA von TERRE DES FEMMES 199 Anfragen zu drohender oder vollzogener Zwangsheirat und zu Gewalt im Namen der Ehre (siehe auch Jahresbericht der Beratungsstelle). Die LANA-Fachberatungsstelle für Berlin unterstützt junge Frauen bei der Suche nach Lösungen in Gewalt- und akuten Notsituationen und bietet dabei psychologische und pädagogische Betreuung an. Das multiethnische Team berät auf Deutsch und Türkisch auf niedrigschwelligen Wegen persönlich, telefonisch und online.

Trotz der steigenden Vergegenwärtigung und Thematisierung in der Öffentlichkeit und in den Medien gab es in diesem Jahr bereits zwei weitere Fälle von „Ehren“-Morden. Zum einen wurde eine 19-jährige Deutsch-Pakistanerin in Darmstadt von ihren Eltern ermordet, weil diese den ebenfalls deutsch-pakistanischen Freund der Tochter nicht als zukünftigen Schwiegersohn akzeptierten. Zum anderen wurde in Berlin eine hochschwangere 19-Jährige von ihrem Ex-Freund und gleichzeitig Vater des ungeborenen Kindes erst mit einem Messer in den Bauch gestochen und anschließend angezündet. Der gleichaltrige Vater hat das Kind abgelehnt.

Viele dieser Einzelschicksale spielten sich nicht im Verborgenen ab. Bei genauerem Hinsehen hätte die Notsituation der Mädchen erkannt und verhindert werden müssen. TERRE DES FEMMES fordert daher, dass Lehrkräfte sowie die MitarbeiterInnen von Behörden sensibilisiert und geschult werden, damit junge Frauen nicht das gleiche Schicksal ereilt wie Morsal. Solange die verkrusteten, patriarchalen Strukturen bestehen, denen sich zum Teil auch Männer unterworfen fühlen, müssen Schutzeinrichtungen und Fachberatungsstellen weiter ausgebaut und ihnen eine sichere Finanzierung gewährleistet werden!

 

Stand: 05/2015

 

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